USA - Bloomington, Indiana - 2005/2006

Indiana University, Bloomington

Studienaufenthalt: Studienjahr 2005/06
Austauschprogramm: Direktaustausch


 

Vorwort

Dieser Erfahrungsbericht bezieht sich auf ein Stipendium im Rahmen des Direktaustauschprogrammes der Kieler CAU. Weitere Infos dazu auf den Internetseiten des International Centers!

Als ich anfing, mich auf mein geplantes Jahr im Ausland vorzubereiten, war mir noch nicht wirklich bewusst gewesen, wie viel Aufwand tatsächlich mit dem Vorhaben verbunden sein würde: Bewerbungsunterlagen zusammensuchen, Erfahrungsberichte wälzen, TOEFL, Gutachten einholen etc. verlangen ein gewisses Durchhaltevermögen. Wenn ich das schreibe, möchte ich meine potentiellen Nachfolger keineswegs abschrecken, sondern vielmehr motivieren: Es werden euch im Rahmen der Vorbereitung auch immer wieder Rückschläge begegnen und ihr werdet hin und wieder das Gefühl haben, vor einer unlösbaren Aufgabe zu stehen, aber Kopf hoch: Lasst euch nicht unterkriegen und vor allem: Gebt nicht auf, denn:

Der Aufwand hat sich mehr als gelohnt!!!

Vorgeschichte und Zusage

Ich studiere Physik und war in den Wochen vor Abgabe der Bewerbungsunterlagen gerade mit meinem Vordiplom mehr als beschäftigt. Ich empfehle euch daher: Nehmt euch genügend Zeit für eine intensive Auseinandersetzung mit dem gewünschten Ziel, auch um euch selbst die Anspannung für das Gespräch vor dem Auswahlgremium zu nehmen. Das besagte Gespräch fand Mitte November statt und etwa zwei Wochen später bekam ich den Bescheid: Ich hatte mich für ein Studium in Aberdeen (Schottland) beworben und erhielt leider eine Absage dafür. Die Enttäuschung darüber saß zunächst tief, auch wenn man im Gegenzug meinen Zweitwunsch (Indiana) berücksichtigte und mir dieses Vollstipendium anbot.

Flüge

Nach dem ich die früheren Erfahrungsberichte gelesen habe, lag es nahe, sich rechtzeitig um Flüge zu kümmern, da die günstigste Buchungsklasse erfahrungsgemäß als erstes belegt ist. Für mich stand fest, dass ich die Weihnachtsferien auf jeden Fall in Deutschland verbringen wollte, sodass ich schon im Februar 2005 zwei Hin- und Rückflüge buchte. Ich empfehle euch, dazu mal bei CAMPUS-Reisen (Mensa I) vorbeizuschauen, die Betreuung ist super und auch preislich habe ich KEIN besseres Angebot gefunden. Da der erste Flug noch in der Hauptsaison liegt, war er etwas teurer als der zweite, im Durchschnitt habe ich ca. €600,- für jeden der beiden Flüge berappen müssen.

Wohnung

In einem der ersten Antwortschreiben aus Bloomington findet ihr verschiedene Kontaktadressen, bei denen ihr nach Wohnmöglichkeiten schauen könnt. Ich bin als graduated student den zahlreichen Empfehlungen vorhergehender Erfahrungsberichte gefolgt und habe OFF-campus gelebt. Auch hier gilt: Der frühe Vogel fängt den Wurm. Ich habe mich Anfang Mai online nach kleinen Apartments umgeschaut und fand den Link www.apartmentguide.com recht hilfreich für einen Preisvergleich. Dort habe ich dann auch ein kleines 2-bedroom-apartment (350 sq ft = 32 m2) direkt an der südwestlichen Campus-Ecke gebucht. Die Firma heißt American Sunbelt, bei der ich mich sehr gut betreut fühlte. Vorsicht: Viele Wohnungen können nur für zwölf Monate gemietet werden, ich hatte das Glück, einen zehnmonatigen Mietvertrag zu bekommen, auch wenn dadurch die Miete etwas gestiegen ist. Letztendlich spart man dadurch etwas mehr als eine Monatsmiete, immerhin. Der Preis für das Apartment in unmöbliertem Zustand war ca. $400,- / Monat. Für die Vollausstattung mit Möbeln wären noch mal $100,- / Monat dazugekommen. Die habe ich lieber gespart und mich selber gemütlich eingerichtet. Es gibt in Bloomington mindestens drei Geschäfte, die gebrauchte Matratzen und Möbel verkaufen, da viele Studenten ihre Sachen ja nur für zwei Semester nutzen und danach entweder wegschmeißen oder an eines der Gebrauchtmöbel-Geschäfte verscherbeln. Da ich jemand bin, der Ungewissheit nicht ausstehen kann, habe ich, wie gesagt, schon im Voraus meine Wohnung über das Internet gemietet. Es besteht aber durchaus auch die Möglichkeit, sich zunächst zwei oder drei Tage vorübergehend in extra dafür vorgesehenen Zwei-Bettzimmern auf dem Campus einzunisten ($25,- / Nacht) und vor Ort nach einem Apartment zu suchen. Es stehen noch sehr viele Apartments zur Verfügung und man hat dadurch die Möglichkeit, die Lage und Entfernung zum Campus besser abzuschätzen. Außerdem kann man die Apartments besichtigen und muss nicht die Katze im Sack kaufen. Ich habe mittlerweile einige Studenten getroffen, die dies gemacht haben und alle sehr schöne Apartments auf diese Weise gefunden haben.

Visum

Wie ihr sicherlich schon in vielen Berichten gelesen habt, hat es auch bei mir sehr lange gedauert, bis ich die endgültige Zusage aus Bloomington und alle nötigen Unterlagen für das Visum zugeschickt bekam. Aber: Keine Panik, bisher scheint es ja bei allen Vorgängern doch noch mit dem Visum geklappt zu haben! Zur gleichen Zeit (Anfang Juni) fand eine Orientierungsveranstaltung für alle USA-Fahrer im Kennedy-Haus in Kiel statt, bei der wir sehr viele nützliche Tipps auch bezüglich des Visums bekommen haben. Für Kieler ist das US-Konsulat in Berlin zuständig, nachdem ich mich ca. 15 Minuten mit einer 0190-8… Hotline rumgeschlagen habe, bekam ich einen Interviewtermin Mitte Juli in Berlin. Dort gab es dann keine weiteren Schwierigkeiten, vier Tage später war mein Visum schon im Briefkasten. Nach Erhalt der Zusage kann man sich für ein Fulbright-Reisestipendium bewerben. Bei Erfolg übernehmen die dann alles Wichtige zum Thema Visum und bezahlen einen Hin- und Rückflug. Ich hingegen war zu faul, mich darum zu kümmern und hatte Angst, im Falle einer Absage einen Flug auf den letzten Drücker zu überteuerten Preisen buchen zu müssen. Nachdem ich aber mit einigen Deutschen gesprochen habe, die ich in Bloomington kennengelernt habe und die sich erfolgreich für das Fulbright Reisestipendium beworben hatten, habe ich es bereut, es nicht auch versucht zu haben. Die zahlen einem nicht nur den Hin- und Rückflug, sondern laden einen auch während der Zeit im Ausland zu einem verlängerten Wochenendseminar ein, z.B. in New York City oder anderen tollen Städten, also eine lohnenswerte Sache!

Vorlesungen

Das Stipendium beinhaltet pro Semester 12 credit hours, also 12 Vorlesungsstunden. Ich habe in beiden Semestern jeweils 11 credit hours belegt und war durchaus voll ausgelastet mit Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen sowie Hausaufgaben, aber nicht komplett überfordert. Die Vorlesungen fanden allesamt in relativ kleinen Räumen statt, die man in etwa mit einem Schulklassenraum vergleichen kann. Die Atmosphäre während der Vorlesungen hat mich sehr positiv überrascht, die Professoren haben sich ausnahmslos mit ihrem Vornamen vorgestellt und es herrschte schon fast durchweg eine Art familiäres Klima in den „Klassenräumen“. Allgemein kann ich sagen, dass das Niveau der Vorlesungen angemessen war und ich kaum Probleme hatte, den Professoren zu folgen. Im Raum Bloomington wird ein, meiner Meinung nach, nahezu akzentfreies, sehr klares Englisch gesprochen, was es einem besonders am Anfang erleichtert! Meine Vorlesungen im Einzelnen:
Da ich vermutlich im Bereich Festkörperphysik meine Diplomarbeit schreiben werde, hatte ich mich auf die Vorlesung „Solid State Physics I + II“ gefreut und mich auch dafür eingeschrieben. Leider sind nicht genügend Studenten für die Vorlesung zusammengekommen, sodass sie ersatzlos gestrichen wurde, was mich ziemlich enttäuscht hat, zumal ich so was aus vorangegangenen Vorlesungen in Deutschland nie erlebt hatte. Da werden ja auch schon mal Vorlesungen für zwei oder drei Leute gehalten… Somit war ich gezwungen, meinen Plan leicht abzuändern und habe folgende Vorlesungen belegt:

Quantum Mechanics I (4 credit hours)
Eine Einführung in die Quantenmechanik auf grad-student Level. Ich hatte eine ähnliche Vorlesung bereits in Deutschland gehört, aber da Quantenmechanik nicht unbedingt zu den leichtesten Teilgebieten der Physik gehört, schadet es nicht, den Stoff zweimal vorgekaut zu bekommen. Die Endnote setzte sich aus der wöchentlichen Hausarbeit, sowie einen midterm- und einem final-exam zusammen.

Seminar in Solid State Physics (1 credit hour)
Ein Fortgeschrittenen-Seminar in Festkörperphysik, in dem verschiedene Professoren und Studenten Vorträge zu ihren aktuellen Forschungsergebnissen gehalten haben. In diesem Seminar habe ich dann auch einen 45 minütigen Vortrag über Supraleitung und das Ginzburg-Landau-Modell gehalten. Den Termin für den Vortrag habe ich soweit wie möglich hinausgezögert, aus Angst, mein Englisch sei zu schlecht. Am Ende habe ich mich aber recht gut geschlagen und viel Lob geerntet. Also: Nur Mut!

Frontier Particle Physics I (3 credit hours)
Eine Einführung in die String-Theory, sehr interessant aber auch furchtbar anspruchsvoll. Es handelte sich dabei um einen Kurs für das zweite Jahr grad-school, sodass das Niveau phasenweise für mich etwas zu hoch war und ich viel Zeit in die Nachbereitung der Vorlesungen stecken musste. Auch die wöchentliche Hausarbeit hat mir einiges abverlangt. Zum Glück gab’s keine klassische Klausur für die Notenvergabe, sonder ein take-home-exam: In den letzten beiden Wochen hatte man Zeit, in Eigenarbeit ein Paar Aufgaben zu bearbeiten. Überraschend für mich war, dass tatsächlich niemand vom anderen abgeschrieben hat oder Ergebnisse übernommen hat. Es wäre verständlicherweise bei einem solchen take-home-exam sehr leicht, zu schummeln, aber es hielt sich doch jeder an den „Ehrenkodex“…

Biological and Artificial Neural Networks (3 credit hours)
Eine Einführung in die Physik neuronaler Netze. Zunächst haben wir uns mit künstlichen Netzen befasst und versucht, in der zweiten Hälfte des Semesters die Ergebnisse auf „echte“ natürliche neuronale Netze zu übertragen. Im Rahmen dieses Kurses musste jeder Student ein wenig eigene Forschung betreiben und seine Ergebnisse zum jeweiligen Klein-Projekt in Referat-Form vortragen, sowie ein Paper zum Projekt schreiben.

Quantum Mechanics II (4 credit hours)
Die Fortsetzung zum oben genannten ersten Teil. Auch hier wurden wieder zwei Klausuren geschrieben. Ich habe in dieser Vorlesung die Erfahrung gemacht, dass sich der Professor sehr viel Zeit für Zwischenfragen ließ und sehr präzise auf diese einging. Somit war das Vorlesungstempo um einiges langsamer, als ich es in der entsprechenden Vorlesung aus Deutschland gewohnt war.

Statistical Physics (3 credit hours)
Eine Einführung in die theoretische Thermodynamik und statistische Physik, wieder auf grad-student Niveau. Die Benotung fand wiederum anhand von zwei Klausuren und der wöchentlichen Hausarbeiten statt.

Elementary Spanish (4 credit hours)
Da ich mich im zweiten Semester bereits sehr sicher in Englisch fühlte, dachte ich, kann es nicht Schaden, eine weitere Sprache zu lernen. Somit habe ich mich entschieden, diesen Spanisch-Kurs zu belegen: An vier Wochentagen (Mo-Do) hatte man jeweils eine Stunde Unterricht im Stuhlkreis. Dadurch, dass man fast täglich ein wenig gefordert war, mit Hausaufgaben oder dem Unterricht an sich, habe ich schnell Fortschritte gemacht und werde wohl auch im nächsten Semester weiter Spanisch lernen.

Finanzielles

Das „Taschengeld“ wird in zwei Raten ausgezahlt: Die erste erhält man etwa Anfang September, die zweite Anfang Januar, zu Beginn des zweiten Semesters. Es empfiehlt sich, wie ihr sicher schon in zahlreichen Erfahrungsberichten gelesen habt, ausreichen Bargeld oder Traveler’s Cheques mitzunehmen, bzw. eine deutsche Kreditkarte dabeizuhaben. Ich habe die Traveler’s Cheques bevorzugt und habe bis zum Erhalt der ersten Rate etwa $1500,- für Mietkaution, erste Miete, eine Grundausstattung an Möbeln und zum Leben benötigt. Die Raten beliefen sich auf jeweils etwa $4800,- und ich konnte davon ohne Probleme leben (Miete, TV, Internet, Strom und Taschengeld für Feiern, Biertrinken und kleinere Aktivitäten). Zum nächsten Herbstsemester ändern sich jedoch die Krankenversicherungsmodalitäten und ich habe gehört, dass die graduated students deutlich mehr für die healthcare zuzahlen müssen. Daher denke ich, dass sich für meine Nachfolger die Raten um vielleicht $300,- bis $400,- reduzieren werden, aber nagelt mich nicht darauf fest!

Fazit

Alles in allem bin ich sehr froh, die Erfahrung gemacht zu haben und zwei Semester in Bloomington, Indiana, studiert zu haben. Bloomington ist eine reine college-town und von den zirka 60000 Einwohnern sind über zwei Drittel Studenten. Das Durchschnittsalter beläuft sich auf etwa 23 Jahre (!) und mir hat die immer lebhafte Stadt sehr gut gefallen. Freut Euch auf eine tolle Zeit!